Notenschrift vs. Tabulatur

Tabulatur – Tabu oder Non Plus Ultra?

An dieser Stelle soll eine Frage diskutiert werden, die die Gitarrengeister scheidet: Ist Notenschrift besser als Tabulatur oder sind umgekehrt »Tabs«, wie sie liebevoll genannt werden, einfach der bessere Weg, um das Geheimnis um den Zauber der sechs Saiten zu lüften?

Vorteile der Tabulatur

Vor allem E-Gitarristen können häufig eine ganze Reihe von Vorteilen der Tabulaturschrift nennen. Führen wir hier einmal die am häufigsten genannten kurz auf:

- Noten zu erlernen ist kompliziert, Tabulatur ist einfacher

- Bei der Tabulatur kann man sehen wie und wo auf der Gitarre man etwas spielt

- man erkennt die jeweiligen Fingersätze und Griffbrettgeometrien viel besser

Die Notationsformen im Vergleich

Doch ist das wirklich so? Ist die Tabulaturschreibweise für Gitarristen per se besser als Notenschrift? Versuchen wir uns der Beantwortung dieser Frage zu nähern, indem wir einige grundlegende Vor- und Nachteile der beiden Notationsformen erörtern.

Grundsätzlich ist es sinnvoll das Lesen von Gitarren-Noten zu erlernen. Letztendlich ist notierte Musik nichts anderes als eine Schriftsprache. Sie wird nur nicht in gesprochene Wörter, sondern in Musik umgesetzt. Aus diesem Blickwinkel sind sich Tabulatur und Notation gleich – beide Systeme sind gleichermaßen eine Schriftsprache, deren Interpretation erlernt werden muss.

Tabs als Notenersatz

Ein großes Manko der Tabulatur ist und bleibt jedoch, dass es eine, speziell auf die Bedürfnisse von Gitarristen abgestimmte, Notenersatzschrift ist, die von anderen Instrumentalisten nicht verstanden wird.

Der große Vorteil der Tabulaturen ist, dass sich viele Stücke, vor allem auch Fingersätze von Tonleitern etc. einfach einprägen lassen. Nachteilig ist jedoch, dass viele wichtige Zusammenhänge aus der Tabulaturschrift allein nicht her leitbar sind. Damit sind vor allem die Zusammenhänge von Skalen- oder Harmoniematerial (eine wichtige Voraussetzung für das Solospielen, oder das Komponieren), gemeint. Weitere Probleme sind die fehlende Aussagekraft der Tabulatur für „Nicht-Gitarristen” und die Diversität der Erscheinungsformen der Tabulaturschrift.

Tabulatur ist nicht gleich Tabulatur

Denn Tabulatur ist nicht gleich Tabulatur. Verschiedene, sich ähnelnde, Systeme werden verwendet. Ein Teil dieser Systeme verzichtet zum Beispiel auf die Darstellung von Rhythmen. Musik zeichnet sich im Wesentlichen durch drei wichtige inhaltliche Ebenen aus. 1. Melodie, 2. Harmonie, 3. Rhythmus. Wenn ein Tabulatursystem also auf die Beschreibung der Rhythmusebene verzichtet, fehlt in der Notation (technisch gesprochen) ein Drittel des Inhaltes und das notierte Stück ist nicht mehr eindeutig interpretierbar.

Für Anfänger Tabulaturschrift

Ein Gitarren-Anfänger, der das Spielen einfacher Liedbegleitungen erlernen will, befasst sich nur mit einem kleinen Teilausschnitt der Möglichkeiten, die die Gitarre bietet. Für ihn reichen die Angaben zu Akkorden und Taktarten vollkommen aus. Für diese einfachen Sachverhalte eignet sich die Tabulaturschrift, denn sie liefert die Rhythmusangaben recht gut. Sie vereinfacht und reduziert die niedergeschriebenen Angaben auf ein Minimum. Das sorgt für Übersichtlichkeit. Für diese Gruppe von Gitarristen kann die Beschränkung auf Tabulaturschrift also sinnvoll sein.

Notenlesen für Fortgeschrittene und Profis

Wer aber tiefer in die Materie vordringen möchte, stößt schnell an die Grenzen der Tablaturschrift und muss sich früher oder später dem Thema Notenlesen widmen, um eigenes Material umsetzen, komponieren und frei musizieren zu können oder Soli zu spielen und seine Kreativität zu entfalten. Mit der Fähigkeit Noten zu lesen, und sei es nur Schritt für Schritt, ist eine wichtige Grundvoraussetzung für das weitere Verständnis notentheoretischer Zusammenhänge und damit (und vor allem!) der freien Entfaltung am Instrument, gegeben.

Erst Tabulatur, dann Notenlesen?

So gesehen ist die Vorgehensweise, erst Tabulatur zu lernen, an die Grenzen dieses Systems zu stoßen und dann mit dem Erlernen der Notenschrift zu beginnen, vergeudete Zeit. Schneller geht es, wenn man sich gleich mit dem Thema Noten auseinandersetzt.

Doch Einspruch! Nur mit der Tabulaturschrift kann man genau sehen in welcher Lage man etwas am Besten spielen kann. Das stimmt, aber durch Lagen und Fingersatzbezeichnungen in gängiger Standardnotation ist dies ebenso unproblematisch darstellbar.

Einspielübungen und Fingersätze

Um Standardfingersätze, Einspielübungen etc. darzustellen ist die Tabulatur gut geeignet. Da sich die meisten dieser Fingersätze quer durch alle Lagen verschieben lassen, ist es sinnvoll statt einzelner Töne im Notenbild, einfach den Fingersatz aufzuschreiben. Die Tabulaturschrift reflektiert eine sehr mechanische Vorstellung des Instrumentes Gitarre. Man spielt statt eines „C” in Standardnotation, so etwas wie „VII. Lage, E-Saite, 2. Finger”. Tatsächlich sind Fingersätze für Skalen und Einspielübungen häufig sehr mechanische Abläufe und lassen sich recht gut in Tabulaturschrift erfassen. Aber auch dies ist nur ein sehr eingeschränkter, sinnvoller Einsatzbereich der Tabulaturschrift, denn nach wie vor verstehen wir Gitarristen uns als kreative Musiker und nicht als Lochstreifenautomaten. Oder?!

Die meisten komplexeren E-Gitarrenstücke und alle Werke aus dem reichhaltigen, historisch gewachsenen Fundus der Gitarre sind überhaupt nur in Notenschrift verfügbar. Tabulatur ist nicht geeignet, um komplexe Inhalte übersichtlich und gut lesbar darzustellen.

Die Tradition der Noten

Die gesamte Tradition des Instrumentes, mithin auch die Wurzeln neuerer E-Gitarrenstilistiken, ist in Notenschrift verfasst. Der Versuch sich hier mit der Tabulaturschrift zurechtzufinden schlägt fehl. Sie erschwert den Zugang zum reichen Fundus an Spiel- und Unterrichtsliteratur der Gitarre.

Aus Sicht der notenlesenden Gitarristen gibt es demnach eigentlich keine Gründe dafür, der Tabulaturschrift den Vorzug zu geben. Noten lesen ist weder schwer noch elitär. Es ist am Anfang ein wenig mühsam, doch das gilt für das Tabulaturlesen gleichermaßen.

Empfehlenswert ist, das Erlernen von Noten nicht als losgelöste Theorie zu begreifen, sondern es am Besten gleich von Beginn an mit dem Instrument zusammen zu erlernen.

Fazit

Also: Noten oder Tabulatur? Im Kopf an Kopf Rennen „Notation vs. Tabulatur” überquert in diesem Artikel die Notation eindeutig als erste die Ziellinie. Dieser Artikel möchte auch die Angst vor den Noten nehmen und Gründe für das Erlernen der einzigen wirklich universalen Schriftsprache der Welt, der Lingua Franca der Kultur, aufzeigen.

Doch muss die Meinung des Autors nicht Ihre sein, denn wie jeder weiß, liegt die Wahrheit allein im Auge des Betrachters.

Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare hier, und auf angeregte Diskussionen in der Gitarren Community.

Sind Noten wirklich besser als Tabulatur? Welche Erfahrungen haben Sie mit Noten und/ oder Tabulatur gemacht?

1 Kommentar zu “Notenschrift vs. Tabulatur”

  1. Fyn schreibt:

    Ich habe gleich am Anfang nur Noten gelernt. Nach 2 Jahren konnte ich sie ohne Probleme lesen. Erst jetzt nach 5 Jahren bin ich das 1! Mal auf Tabs gestoßen!
    Ich finde es meiner Meinung nach wichtig, einfach beides zu können und schon hat man keine Probleme mehr. Beides braucht Übung!

Kommentar schreiben