Gain Probleme

In der Folge „Gain Probleme“ geht es um die Klärung der Frage, ob man allein mit mehr Gain einen heißeren, fetteren, böseren… je nachdem – „besseren“ Sound erzeugt.

Grundsätzlich ist das zwar so, wie immer gibt es aber auch ein kleines „Aber!“. Jede Verzerrung geht naturgemäß mit der Kompression des eigentlichen Klangsignals einher, das heißt, Lautes wird leiser und Leises lauter. Neben dem Nutzsignal gibt es aber auch die Störsignale, vor allem das sogenannte Eigenrauschen der Signalkette sowie Einstreuungen. Diese sind auch im cleanen Gitarrensignal immer vorhanden, allerdings im Vergleich zum Nutzsignal so leise, dass sie nicht weiter auffallen. Durch die Verzerrung wird nun aber das Gesamtsignal, also die Mischung aus lautem Nutzsignal und leisem Störsignal, komprimiert.

Technische Qualitätsunterschiede

Technisch gesprochen wird durch diese Kompression das Störsignal (Eigenrauschen der Signalkette, Einstreuungen etc.) – relativ zum Nutzsignal – deutlich angehoben. In der Praxis äußert sich das durch ein, je nach Grad der Verzerrung, deutlich höheres und vor allem hörbares Rauschen bei eingeschaltetem Verzerrer.

An dieser Stelle werden die Qualitätsunterschiede zwischen den Geräten deutlich. Jedes elektrische Gerät hat ein gewisses Eigenrauschen! Das gilt für Hi-Fi Komponenten wie auch für E – Gitarren, Verstärker und Effektperipherie. Gut und sauber arbeitende Geräte haben nur ein sehr geringes Eigenrauschen. Das zeigt sich dann daran, dass das Rauschen bei weit aufgedrehtem Gainregler nicht sehr groß ist.
Eine gute Möglichkeit die Qualität eines Verzerrers auch ohne Messplatz und abseits aller geschmäcklerischen Kriterien zu testen, besteht also darin im Gitarrenladen eine Gitarre anzuschließen, einen Verzerrer auf maximales Gain zu stellen und NICHT zu spielen, sondern einfach nur zu hören wie stark, im Vergleich zu anderen Verzerrern, das Rauschen ausfällt. Wenn man dann losspielt, fällt das Grundrauschen im Regelfall nicht weiter ins Gewicht, aber auch wenn es nicht so präsent hörbar ist, bleibt es doch immer vorhanden und „bereichert“ den gepflegten Krawall um ein, auch in härtester Gangart, unerwünschtes Rauschen.

Die auftretenden Nebengeräusche sind einfach unschön und es raubt letztendlich auch Nerven, wenn im Proberaum immer etwas brummt und rauscht. Vor allem wenn, egal was man tut, bei einem knackigen Unisono Stop Time mit der Band der Noise Generator „Verzerrer“ in die eigentlich so wirkungsvolle Pause hineinrauscht, beim Gig die Ansage des Sängers im Meeresrauschen des 412er Halfstacks der Gitarristen untergeht, man eine leckeres HiGain Solo über eine Schmuseballade hinlegen wollte (…auf die Bühne geworfene Unterwäsche inklusive) und statt dessen lediglich verzichtbare Kritiken erntet wie „.. ja war schon irgendwie cool…aber naja… wie soll ich sagen…is ja auch egal…. aber euer Sänger ist voll super… sag mal kannst du mir die Nummer von dem geben?“.

Möglichkeiten das Rauschen zu vermeiden

Um dieses Rauschen zu beheben, kann man eigentlich nur drei Dinge tun: (Nein, sich die Pulsadern aufzuschneiden gehört nicht dazu.)

Variante eins
: man empfiehlt das rauschende Gerät der Obhut des Allmächtigen an, mit anderen Worten: man schmeißt es weg oder legt es sich, für den Fall der Anfrage eines coolen Lo-Fi Projektes, zur Seite und vollzieht die „Back to the roots“ Wende, E-Gitarrensounds im Stil eines Hank Marvin der das Wort Verzerrung, wenn er es denn kannte, fürchtete wie der Teufel das Weihwasser.

Variante zwei:
man sucht sich ein anderes, besseres und vor allem rauschärmeres Gerät aus. Die kleinen Bodentreter von Marshall oder Boss sind hier bestens geeignet, klingen großartig und kosten vergleichsweise wenig.

Variante drei: man entscheidet sich für den Einsatz eines Noise Gates. Ein Noise Gate arbeitet so, dass es den Signalweg immer stumm schaltet und nur wenn das Signal einen bestimmten Wert, den man frei einstellen kann, überschreitet wird der Signalweg geöffnet. Man würde also den Wert, ab dem das Noise Gate geschlossen ist, so tief einstellen, dass der Wert gerade eben so über dem Pegel des Rauschens liegt. Wenn nun ein Nutzsignal anliegt, man also beherzt in die Saiten langt, öffnet sich das Gate und der Signalweg ist frei. Hört man auf zu spielen sinkt der Pegel des Signals und das Gate schließt sich wieder. Das Problem dabei ist, dass jeder lang ausgehaltene Gitarrenton naturgemäß langsam ausklingt, sein Pegel also stetig sinkt und dann irgendwann vom Noise Gate einigermaßen ungnädig beendet wird. Mit dieser Maßnahme wird also das Sustain des Gitarrentons im ungünstigsten Fall erheblich beschnitten.

Das Noise Gate

Gitarristen, die mit tollen Sololines im Gepäck an den Bühnenrand treten und dort den Kopf in den Nacken legen, shredden wie die ganz Großen, bis das Solo in einem langgezogenen hohen Ton seinen Höhepunkt erreicht, das Publikum tobt und die Wiederauferstehung der Guitar Heroes feiert und….

Ja, wenn jetzt dieser eine alles entscheidende Ton bis übermorgen stehen würde, wäre alles in bester Ordnung. Aber die Verwendung des Konjunktivs legt nahe, dass in unserem (wirklich realistischen) Beispiel eben nicht alles in bester Ordnung ist. Denn nun kommt das Noise Gate zum Zuge, schließt ohne Rücksicht auf Verluste in Form entgangener Telefonnummern, Plattenverträgen, Anschlussmuggen, das Angebot als Aushilfe für eine „wirklich fette Band“ oder Ruhm und Ehre den Kanalweg. Schade eigentlich… den statt „A star is born“ heißt es nun „….üp ma noch…“ – das ist keine Erfindung, sondern die buchstabengetreue (!) Wiedergabe eines Eintrags im Gästebuch der Homepage einer Band, die wir an dieser Stelle mal unerwähnt lassen – die Jungs scheuen gerade das Licht der Öffentlichkeit, sie haben Wichtiges zu tun, nämlich „üpen“ und neues Equipment testen.

Qualität vor Quantität

Fassen wir also zusammen: höhere Gaineinstellungen bedeuten, dass auch mehr Nebengeräusche auftreten. Je nach Qualität des verwendeten Gerätes, können die Nebengeräusche bei schlechten Fabrikaten so stark sein, dass sich hier eher die Anschaffung eines besseren Teils lohnt. Will man allerdings nicht auf seinen „Trademarksoundmakingverzerrer“ verzichten, kann ein zusätzliches Noise Gate Abhilfe schaffen. Es lohnt sich also durchaus über sein eigenes Equipment nachzudenken und lieber wenig Gutes, als viel schlechtes Gerät im Signalweg zu benutzen. Doch das ist nicht das einzige Problem, was sich bei schlechtem Equipment oder schlicht einem zu hoch eingestellten Gainregler ergibt… .

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