Testbericht: Charvel Socal

Charvel Gitarren gelten allgemein als höchstkarätige Instrumente, dennoch dürften wohl aber nur die wenigsten Gitarrist/innen haben einmal eine Charvel Gitarre in der Hand gehabt. Aus diesem Grund haben wir die Edelgitarren aus Kalifornien auf Herz und Nieren getestet. Was ist dran an der Legende von der kalifornischen Gitarrenschmiede, die den jungen Wilden, also der aufstrebenden Riege der werdenden Gitarrengötter der achtziger Jahre die passenden Instrumente für ihre atemberaubend virtuosen Spieltechniken lieferte?

Charvel Socal im TestZu den ersten Spielern, die eine Charvel Gitarre spielten, zählten immerhin auch Virtuosen wie Steve Vai. Nach dem sensationellen Erfolg der Firma ab Mitte der achtziger Jahre wurde es ruhig um Charvel. Zu dieser Entwicklung hat sicherlich auch der Siegeszug des weniger an virtuosem Gitarrespiel ausgerichteten Grunge und leider auch Qualitätsprobleme! bei Charvel einen nicht unerheblichen Anteil. Zwischen den Karohemden aus Seattle, und den hausgemachten Qualitätsproblemen einerseits und der Fortsetzung der auf Einzelanfertigungen spezialisierten höchstkarätigen Customfertigung dümpelte Charvel durch die neunziger Jahre.
Charvel Gitarren werden und wurden stets auf Wunsch von Kunden gebaut und gehören mit zum Feinsten was die Gitarrenbaukunst hervorzubringen vermag. Natürlich liegen diese Instrumente außerhalb der Budgetgrenze der meisten ambitionierten Gitarristen. Daher hat Charvel eine neue Serie aufgelegt. Es handelt sich um die U.S.A. Production Serie die neben den U.S.A. Custom Build Instrumenten besteht und zwar weniger individuell als eine Customanfertigung ist, dafür jedoch um einiges preiswerter. Dennoch sollen die Charvel U.S.A. Production in puncto Fertigungsqualität fast gleich kommen. Wir werden sehen! Zum Test liegt uns eine Charvel Socal Style 1 aus der U.S.A. Production Serie vor.

Einordnung der Charvel Socal in das Charvel Sortiment

Charvel unterteilt recht pragmatisch die angebotenen Modellinien und benennt diese mit Nummern. Style 1 steht für ein Stratocaster Body, Style 2 steht für einen Telecaster Body. Die Charvel Socal Style 1 ist also eine Gitarre die auf der Bauform einer Stratocaster basiert. Anders als bei der sehr ähnlichen Charvel San Dimas Reihe werden Tonabnehmer und Elektronik der Gitarre jedoch nicht direkt auf das Korpusholz, sondern auf ein Schlagbrett montiert.

Von Kopf bis Fuß: Konstruktion der Charvel Socal

Charvel Socal: BodyDie zum Test vorliegende Charvel Socal Style 1 ist Teil eines Limited Runs und daher in einer Sonderfarbe, Transparent Red Ale lackiert. Neben dem optischen Reizen bietet die transparente Lackierung auch den Vorteil das Holz der Gitarre beurteilen zu können. Die Charvel Socal Style 1 ist eine Gitarre im klassischen Fender Strat Shaping. Die Gitarre wird gut verpackt in einem Gig Bag geliefert. Was schon beim Öffnen des Gig Bags auffällt ist das geringe Gewicht der Charvel Socal. Wir sind gespannt!

Das Bodyshaping der Gitarre ist von der Fender Stratocaster vertraut. Die Cutaways scheinen eine Idee tiefer gezogen zu sein, was ein wenig an den Fender Highly Contoured Body, verwendet zum Beispiel bei der Eric Johnson Signatur Gitarre, erinnert und ein besonders gute Bespielbarkeit der hohen Lagen ermöglichen soll. Der Korpus der Charvel Socal ist zweiteilig und besteht aus Erlenholz.

Auf dem Korpus ist ein einlagiges, schwarzes Pickguard verschraubt, das die DiMarzio Humbucker sowie den einzigen Regler und einen Dreiweg Toggle Switch aufnimmt. Das Pickguard hat keine glatte sondern eine leicht raue Oberfläche die beim Darüberstreichen an Samt erinnert. Die verwendeten Tonabnehmer gehören zu den leistungs- und outputstärkeren im Sortiment von DiMarzio. In der Bridge Position kommt ein DP155 Tonezone Humbucker zum Einsatz, in der Halsposition wird ein DiMarzio Evolution Humbucker verwendet. Diese lassen sich in den Standardkombinationen Neck, Bridge, Neck+Bridge miteinander kombinieren.

Der Drehregler der Charvel Socal ist nur für die Volumeregelung zuständig und hat eine sehr griffige Oberfläche, mit leicht angedrücktem Finger am Knob vorbeizustreifen bewegt den Regler mühelos, wobei sich sofort das Gefühl eines gewissen Widerstandes einstellt ohne das der Regler dabei schwergängig wirkt. Vielmehr hat man den Eindruck, dass ein feiner, hochwertig und stabil ausgeführter Heavy Duty Poti verwendet wurde.

Auf einer Charvel Gitarre ist ein Floyd Rose fast schon Pflicht. Auch bei der Charvel Socal kommt ein Floayd Rose Tremolo zum Einsatz. Das sehr sauber in die gestochen scharf ausgeführte Korpusfräsung eingesetzte Floyd Rose ist ein originales Floyd Rose System, man kann bei diesen, was vielen Spielern entgegenkommt das Rändelrad des Hebelarms so anziehen das der Hebelarm entweder fixiert oder aber leicht fest oder ganz locker an der Gitarre hängt. Das Signal der Charvel Socal wird aus einer auf dem Korpus montierten Buchse herausgeführt.

Der Hals der Charvel Socal ist ein einteiliger Ahornhals, mit einem 12“-16“ Compound Radius, der sehr sauber in die ebenfalls sehr sauber ausgeführte Korpusfräsung eingesetzt ist. Der Hals ist durch vier Schrauben mit dem Korpus verbunden. Das Neckplate der Charvel Socal ist sehr massiv ausgeführt und ruht auf einer passgenauen Unterlage auf dem Korpus. Das ungewohnt massive Neckplate sichert den Halsschrauben eine optimalen Halt, obendrein ist in die verchromte Platte noch das Logo Charvel eingeprägt und die Seriennummer der Charvel Socal findet einen würdigen Platz, (endlich mal kein Aufdruck auf der Kopfplatte wie bei ….)

Charvel Socal: HeadstockDer Hals der Charvel Socal ist ein einteiliger Ahornhals ohne Griffbrettauflage. Einfacher geht’s kaum. Der Hals ist mit 22 Jumbo Bünden versehen, anstelle eines Halsbindings sind lediglich die bei der Herstellung des Halses notwendigen Schlitze des Halses sorgfältig verschlossen und geschliffen worden, so dass hier kein austretendes Bundende die Freude am Instrument trübt. Die Verarbeitung der Bundierung ist mustergültig.
Die Saiten der Charvel Socal werden durch eine Klemmsattel, ebenfalls aus dem Haus Floyd Rose gehalten der natürlich für das Stringspacing der Gitarre verantwortlich ist.

Die Saiten selbst werden mit Grover Mini Rotomatic Mechaniken in Stimmung gehalten. Die gesamte Hardware der Charvel Socal, bestehend aus Mechaniken, Klemmsattel und Tremolo ist in schwarz gehalten, was rein optisch betrachtet einen sehr feinen optischen Reiz in Kombination mit dem hellen Hals der Charvel Socal ausübt.
Mechaniken und Klemmsattel sind auf einer Kopfplatte angebracht die einer üblichen Fender Kopfplatte entspricht. Der Hinweis auf diese Gleichheit fehlt natürlich auch auf dem Instrument nicht. Auf der Rückseite findet sich ein entsprechender kleiner englischer Text. Aber was kümmern uns die Feinheiten im Patentrecht der Amerikaner? Uns geht es wie immer nur um eins, Gitarre spielen!

Auf Herz und Nieren: Praxistest der Charvel Socal

Die Charvel Socal fühlt sich sowohl im Sitzen als auch im Stehen sehr gut ausbalanciert an. Ihr geringes Gewicht fällt noch einmal positiv auf, lange Übesessions und lange Gigs kann man sich mit diesem Instrument wirklich sehr gut vorstellen und vor allem ohne das Risiko dass nach dem Gig der Besuch bei einem Chiropraktiker ansteht – Gitarristenkollegen die eine Paula spielen kennen das Problem.
Der Hals der Charvel Socal fühlt sich aufs Erste gleich richtig gut an. Liegt es an der samtig mattierten Rückseite des flachen Halses? Was ebenfalls richtig Spaß macht ist, dass der Hals der Charvel Socal auch in den höheren Lagen kaum dicker wird. So hat man auch in den höheren Lagen also ab etwa der 12 Lage, bei anderen Gitarren verdickt sich hier der Hals meist schon ein wenig und mündet dann noch ein wenig weiter oben in den Korpus, ein ähnlich gutes Gefühl wie etwa in der Mitte des Halses also etwa zwischen 5. und 9. Lage. Sehr fein!

Wir testen die Charvel Socal zunächst unplugged. Wow! Die ist aber laut – denkt man beim ersten Anspielen eines Akkordes. Die Charvel schwingt hervorragend, sehr lebendig und in allen Lagen. Auf den tiefen Saiten und in den höchsten Lagen des Diskants…. herrlich perlig kann man da nur sagen. Die Charvel Socal spricht außerordentlich gut an. Akkorde klingen sehr transparent und differenziert. Auch die Mischung zwischen Akkorden mit gegriffenen und offenen Saiten klingt steht sehr ausbalanciert zwischen den Saiten. Hier hört man es, das Zusammenspiel von Ahornhals und Erlenbody, klar, transparent und detailreich, Obertöne ohne Ende. Bei einigen Gitarren kann das auch schnell ein wenig viel des Guten werden, denn wenn es nun noch klingelt und die Bässe fehlen ist nichts gekonnt. Was wird also der Test am Verstärker bringen?

Wir verwenden einen Peavey 6505 und einen Mesa Boogie Rectifier und schalten zunächst einmal in den Cleanmodus. Und…. auch im Bassbereich alles da! Die Bässe tragen bei arpeggierten Akkorden sehr schön und der Diskantbereich zeichnet sauber und kein bisschen zu scharf. Lecker, genau richtig! Kurze funky Licks mit dem Bridge Pickup klingen wie es sein soll, Soloeinwürfe mit dem Neckpickup klingen sehr ausgewogen und je nach Anschlagsstelle der rechten Hand ist bis in den Bereich „very sweet“ alles möglich. Für die tolle Auswahl der Tonabnehmer und deren Abstimmung auf die verwendeten Hölzer muss man Charvel hier schon mal ein dickes Kompliment machen. Die Charvel Socal klingt clean in allen Lagen und in wirklich verschiedensten Stilistiken sehr gut, und dank des tollen Schwingungs- und Anspracheverhaltens der Charvel Socal ist der Ton musikalisch ausgezeichnet formbar.

Schalten wir mal einen Gang höher und betätigen den Zerrkanal. Ein paar Powerchords machen sofort richtig Spaß, noch ein paar einschlägig bekannte Metal- und Hardrockriffs hinterher und schon ist klar…. das ist was! Die Bässe klingen dick, durchsetzungsfähig bissig und druckvoll ohne zu matschen. Die DiMarzio Tonabnehmer und die Elektronik der Gitarre arbeiten fast nebengeräuschfrei, was vor allem im HiGain Betrieb sehr positiv auffällt. Die Gitarre bietet Obertöne ohne Ende an, da kommt richtig Freude auf, schnelle Läufe perlen einfach so aus den Speakern des Rectifiers. Der Ton der Charvel ist sehr definiert und hat aber gleichzeitig jede Menge Körper und ein Sustain bis übermorgen. Wer gedacht hat das ein Gitarre mit Ahornhals nur etwas für die Jungs aus der funky Brigade ist sieht sich getäuscht. Die Charvel Socal ist genau das richtige Instrument für Musik in der es richtig zur Sache geht, wo hingelangt wird. Es wird druckvoll zugegriffen ohne dabei unklar und schwammig zu werden. In tieferen Droplagen oder für Surf-und Beatmusik der 60er Jahre ist die Charvel Socal sicherlich nicht das Instrument der ersten Wahl, zu sehr ist die Charvel Socal auf die Bedürfnisse und Anforderungen von technisch versierten und anspruchsvollen Metal- und Hardrockgitarristen die moderne Sounds spielen zugeschnitten.

Die Charvel Socal ist gnadenlos gut bespielbar. Sololäufe quer durch alle Lagen gelingen ohne Widerstände des Instrumentes, vor allem in den hohen Lagen lässt sich die Charvel Socal großartig bespielen. Tremoloeskapaden bleiben folgenlos, zumindest für die Intonation, die Gitarre ist extrem stimmstabil. Das Zusammenspiel aus Stringspacing, Halsbreite, Positionierung der Saiten und dem Compoundradius sorgen dafür das wirklich alle (zumindest) derzeit bekannten Spieltechniken auf dem Instrument perfekt möglich sind.

Resümee

Die Charvel Socal Style 1 ist eine herausragend gute Gitarre. Sie besteht aus sehr hochwertigen Materialien, ist bestens verarbeitet und lässt sich wirklich großartig bespielen. Sicherlich ist die Gitarre nicht die erste Wahl für Traditionalisten zu modern und zu aufgeräumt klingt sie für Liebhaber von Vintage Gitarren.
Wer aber eine großartig bespielbare Gitarre, die noch dazu innerhalb des Bereichs zwischen Rock, Fusion und Metal, sowohl clean als auch zwischen verzerrt und Higainbereich alle klanglichen Möglichkeiten anbietet sucht wird die Charvel Socal nicht mehr aus der Hand legen wollen.

Was bleibt ist die Erkenntnis dass Charvel mit der U.S.A. Production Serie eine großer Erfolg geglückt ist. Diese Charvel Gitarren sind wirklich Spitze und angesichts der tollen Features erfreut der erschwingliche (deutlich unter dem Niveau der Custom Build Instrumente liegende) Preis noch einmal mehr. Charvel meldet sich zurück und man kann zur Charvel Socal Style 1 wirklich nur gratulieren. Charvel ist zurück – die Charvel Socal erhält nur Bestnoten!

Prädikat: 5 Sterne Prima Deluxe!

Features

  • E-Gitarre
  • Charvel So-Cal, Style 1-2H (Rev 3)
  • Series: U.S.A. Production Model
  • Hals: geschraubt
  • Korpus: Erle
  • Kopfplatte: Charvel USA San Dimas® Reg./Reverse Headstock
  • Hals: einteiliger Ahornhals mit Dot Inlays
  • Halsfinish: Gunstock Oil
  • Griffbrettradius: 12”-16” Compound
  • Sattel/ Sattelbreite: Floyd Rose R3 42.86 mm (1 11/16 Inch)
  • Stringspacing an Bridge: 57.15 mm (2 1/4 inch)
  • Mensurlänge: 25.5″ mit 22 Jumbo Bünden
  • Bridge: Floyd Rose
  • Gurtknöpfe: Dunlop® StrapLok™
  • Mechaniken: Grover® Mini Rotomatic – schwarz
  • Regler: Volume
  • Tonabnehmer: Bridge Pickup – DiMarzio® DP155 Tone Zone; Neck Pickup – DiMarzio Evolution
  • Schalter: 3 Way TogglePosition 1 Bridge; Position 2 Bridge & Neck; Position 3 Neck
  • Pickguard: schwarz gebürstet
  • Finish: Hochglanz lackiert
  • incl. gepolstertem Charvel Gig Bag

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